Kommunikation im Forum: Oft ein Subkultur themenaffiner "Spezies"

Serie: „Kommunikation im Forum“: 03: Subkultur Forum

Subkultur Forum – die gleiche Sprache sprechen

Das Internet ist nicht nur ein neues Informations- und Kommunikationsmedium, es verändert auch die geschriebene Sprache. Am deutlichsten wird das in Foren, in denen die Nutzer mit sehr kleinen Zeichen ihre Gefühle ausdrücken möchten. Etwas Ähnliches entstand schon in den 1990er Jahren mit der SMS. Neben der Zeichensprache gibt es noch weitere Tendenzen wie etwa eine gewisse, allseits tolerierte Vernachlässigung von Rechtschreibung und Grammatik, die wiederum auch dem Übermitteln von Emotionen dienen kann. Darüber hinaus entwickeln sich in fachspezifischen Foren fachspezifische Ausdrucksweisen. Wer ein Forum zum Online-Marketing oder Webdesign mitliest und die Thematik nicht kennt, fühlt sich wie in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht versteht. Dasselbe passiert in Sport-, Musik- oder Modeforen.

Wie lassen sich online Gefühle ausdrücken?

Jedes Kommunikationssystem enthält denotative (informative) und konnotative (emotive) Elemente. Das trifft auf die Sprache, die Musik, visuelle Darstellungen und selbst auf die Schreibweise einer mathematischen Formel zu. Schon immer kann die schriftliche Kommunikation nicht mit den konnotativen Elementen von Wortklang, Gestik und Mimik operieren. Im von Hand geschriebenen Brief kann das Schriftbild einige dieser Funktionen übernehmen, online erledigen Ideogramme diese Aufgabe. „Emoticons“ sind die bekanntesten Beispiele:

  • lachendes Gesicht : – )
  • trauriges Gesicht : – (
  • Zwinken ; )
  • lautes Lachen : D

Inflektive kommen hinzu, die schon für die Comics ab den 1930er Jahren verwendet wurden:

  • *seufz*
  • *freu*
  • *grummel*
  • *liebguck*

Nun ist festzustellen, dass in einzelnen Fachforen solche Mittel sehr unterschiedlich eingesetzt werden.

Spezielle Begriffe in unterschiedlichen Foren – Codierungen

Es ist schwer vorstellbar, dass in einem Matheforum *grummel* oder *liebguck* gepostet wird. Doch die Abkürzungen wurden seit der Online-Ära ab den frühen 2000er Jahren drastisch erweitert. Vielfach geht es um die Geschwindigkeit von Feedbacks.

Auch das ist schon seit der SMS bekannt, „see you“ heißt in der Kurznachricht schon lange “cu”, hinzu kamen Kürzel etwa für „be right back“ (brb), für „auf jeden Fall“ (fjen) oder für “einen” (nen). Man nutzt dabei teilweise phonetische Formen, die auch zum Einbezug von Buchstaben führen. Ein Klassiker ist die 2 für to, also call2you. Die Leet Speak ist eine sehr moderne Form, hier ersetzen Ziffern die Buchstaben. Die 3 ist ein E, die 7 ein T, Ente schreibt sich daher 3n73. Das unterscheidet sich von der Verwendung einer Ziffer oder eines Buchstabens als Laut wie bei 2 = to oder Y = why. Solche Codierungen nutzen einerseits kleine Gruppen, um in Foren eine Subkultur aufzubauen, die ein Fremder gar nicht so ohne Weiteres mitlesen kann, andererseits hat auch die Werbung längst diese Sprache für sich entdeckt.

Das neue 1er Coupé von BMW wird mit „Verdichtete 1ntensität“ beworben, das I in Intensität wird mit der 1 geschrieben. Es lassen sich inzwischen zahllose solcher Beispiele ausmachen. Doch was hat das für einen Sinn? Nun, aus dem Wunsch, sich sehr knapp ausdrücken zu können, den erstmals die SMS weckte, entstand eine subkulturelle Forensprache, die am schnellsten von Jugendlichen aufgegriffen wurde. Sie entwickeln eine Chatsprache, die ihrem mündlichen Ausdruck sehr nahe ist. Anglizismen spielen dabei naturgemäß eine große Rolle, mit denen Jugendliche nicht nur cool wirken wollen, sondern durch die sie sich besser international vernetzen können. Anglizismen sind darüber hinaus im technischen Bereich wie auch im Marketing nicht mehr wegzudenken. Wer die Ansprache eines deutschen Vorstandsvorsitzenden hört, versteht tatsächlich nur Denglisch. Das soll gar nicht besonders cool sein, es ist einfach effektiv. Für Leser dieses Beitrags, die im Online-Marketing zu Hause sind: Wer von uns sagt “Suchmaschinenoptimierung”, wer sagt eigentlich nur noch “SEO”? Doch wie viele Menschen aus unserem Umfeld verstehen das Wort “SEO”? Dieses Beispiel ist treffend, weil “Suchmaschinenoptimierung” auch von Laien sofort verstanden wird. Doch welcher Online-Marketer möchte in einem Forum dieses Wort ausschreiben? SEO geht nun wirklich viel schneller. Und so geht es allen Nutzern von Spezialforen, ob es nun ums Angeln oder um die neuesten Online-Games geht.

Die Bedeutung von Themenforen und das Engagement der Nutzer

Es gibt Fragen, die werden nur in Foren gestellt und auch nur dort beantwortet. Bei aller Liebe zum Marketing wissen erfahrene Online-Nutzer, dass plakative Blogbeiträge und erst recht die Aussagen auf Verkaufs-Webseiten nie die ganze Wahrheit verbreiten: Sie sind marketing- und SEO-getrieben, um gleich einmal bei diesem Begriff zu bleiben. In Foren hingegen tauschen sich private User ehrlich aus, viele von ihnen bringen sehr profundes Fachwissen mit. Übrigens müssen sich die Ehrlichkeit in Foren und SEO nicht widersprechen: Die Kundenrezensionen auf Verkaufsportalen wie Amazon belegen das. Artikel werden in der Suchmaschine schneller gefunden, wenn sie durch Kunden vielfach bewertet wurden, selbst wenn viele kritische Bewertungen dabei waren. Allerdings werden zu kritisch bewertete Produkte naturgemäß weniger gekauft. Diese Argumentation führt dazu, dass Foren auf vielfältige Weise nützlich sind. Es werden ehrliche Meinungen ausgetauscht, User verbreiten freiwillig Fachwissen, wenn auch in codierter Sprache (siehe oben), der Suchmaschinenoptimierung dient ein Forum auch.

Zu manchen wichtigen Onlinethemen werden auf Google zuerst die passenden Foren gefunden, erst dann folgen Unternehmenswebseiten und Marketingblogs. Allein die intensive Nutzung von Foren verschafft ihnen dieses Ranking, was SEO-technisch vollkommen einleuchtet.

Doch wissen das die Nutzer dieser Foren? – Es ist ihnen egal. Sie möchten Fragen stellen und Antworten finden.

Sind Foren nur Spielwiesen für Fachleute?

Das lässt sich an der Sprache in einem Forum ablesen und hängt übrigens auch von der Thematik ab. In einem Mathe-Forum werden sich die entsprechend interessierten User austauschen, ein Nachwuchs-Mathegenie darf das Forum gern als Spielwiese nutzen – warum nicht? Festzustellen ist der folgende Trend: Je codierter die Sprache in einem Forum ausfällt, desto eher treffen sich dort ausgewachsene “Spezis”, also Nutzer, die rein kontemplativ im Thema verharren, um mit ihrer Kompetenz glänzen zu können. Das betrifft aber sicher nur einen sehr kleinen Teil aller Foren. Die meisten Foren bieten Nutzern einen regen, wertvollen Austausch und können von Unternehmen prima für die Vermarktung genutzt werden. Wer eine Marke promoten will, sollte an seine Webseite ein Forum anhängen – ganz egal, welche Sprache sich dort entwickelt.

Lesen Sie auch zu diesem Thema in unserem Blog: „Kommunikation im Forum“ 02: „Sprache und Grammatik

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